Ein Tagungsbericht von Florian Seyfarth
Die 41. wissenschaftliche Tagung der deutschsprachigen mykologischen Gesellschaft fand in diesem Jahr auf dem Gelände der Charité in Berlin statt. Für mich war es die erste DMYKG Tagung. Bereits der Beginn des dreitägigen Programms stellte einen besonderen Höhepunkt dar. So wurde im Histologiesaal des anatomischen Instituts ein didaktisch sehr gelungener Mikroskopierkurs über die Gattung Pseudallescheria bzw. Scedosporium abgehalten. Die Platzbedigungen waren traumhaft: Jeder Teilnehmer konnte mit einem eigenen Mikroskop arbeiten. Auch die Anzahl der Kulturplatten war mehr als ausreichend, so dass dem Entdeckergeist keine Grenzen gesetzt waren, zumal das Mikroskopieren nicht wie so oft ein Anhängsel für die letzte halbe Stunde eines Kurses war. Das eigenständige Mikroskopieren stand im Mittelpunkt der gesamten Veranstaltung und wurde durch Vorträge von Frau Dr. Tintelnot, Frau Dr. Graf und Herrn Seibold sehr anschaulich untermauert.
Die offizielle Eröffnung der Tagung durch Prof. Dr. med. M. Ruhnke fand am frühen Nachmittag im Großen Hörsaal des Langenbeck-Virchow Hauses statt, der vielmehr einem alten Parlamentssaal als einem Tagungsraum glich und dessen sorgfältig restaurierte Inneneinrichtung im auffälligen Kontrast zur eher gewöhnungsbedürftigen "Ästhetik" des modernen Charité Hochhauses steht. Die beiden ersten Vorträge wurden durch internationale Gäste gehalten: Herr Dr. P. Donnelly aus Nijmegen stellte eine neue Definition invasiver Pilzinfektionen vor, Frau Dr. S. Abdel-Rahman aus Kansas City berichtete über die Epidemiologie von Dermatophyteninfektionen in Kansas (USA). Sie zeigte auf, dass Trichophyton tonsurans bei Kindern ein sehr häufig nachzuweisender Dermatophyt des behaarten Kopfes ist, zumeist allerdings ohne Krankheitswert. Genetische Untersuchungen konnten hierbei keinen Zusammenhang zwischen bestimmten Genotypen und dem Grad der Pathogenität aufzeigen. Die Infektion scheint demnach eher durch bestimmte Wirtsfaktoren verursacht zu werden.
Nach den beiden Eingangsvorträgen teilte sich Plenum in die Sektionen "Dermatomykosen" und "Diagnostik und seltene Erreger". Die Sektion Dermatomykologie, der ich beiwohnte, beschäftigte sich hauptsächlich mit der molekularbiologischen Bestimmung von Dermatophyten. Frau Dr. Gräser gab hierbei eine Übersicht über gängige Sequenzierverfahren. Sehr interessant waren auch die ersten Auskünfte bzgl. der Gewinnung von Knock-Out-Trichophyten, die Frau Dr. Burmester aus Jena vorstellte und ein interessantes zukünftiges Forschungsgebiet aufzeigen.
Der erste Veranstaltungstag klang im ehemaligen Hörsaal des von Rudolf Virchow begründeten pathologischen Museums aus. Dieses Gebäude beinhaltet heute das medizinische Museum der Charité, dessen Ausstellung sich allerdings z.T. im Umbau befand. So war die berühmte Berliner dermatologische Moulagensammlung, die mich besonders interessiert hätte, noch nicht zugänglich. Entschädigt wurde dies zum einen durch eine interessante Zusammenstellung von dermatologischen Formalinpräparaten (z.B. Turbantumor des behaarten Kopfes), zum anderen durch ein sehr gutes kaltes Buffet in oben erwähntem Hörsaal, der den 2. Weltkrieg nur als notdürftig überdachte Ruine überlebt hat.
Auch der 2. Veranstaltungstag gliederte sich in verschiedene Sektionen und war damit für den Einzelnen nicht in seiner gesamten Fülle zu erfassen. Ich wählte mir zunächst das Thema "Virulenzfaktoren bei Pilzen" aus. Auch in dieser Sektion wurde die molekularbiologischen Erforschung von Dermatophyten thematisiert (P. Staib und M. Monod). Die vorgestellten Ergebnisse sind als absolute Pionierarbeit zu betrachtet. Was Pathogenitätsfaktoren betrifft, so ist die Erforschung von Candida albicans hierbei ein wesentliches Stück weiter. Bekannte Faktoren stellen hierbei die sauren Aspartatproteinasen (SAPs) dar, deren Struktur allerdings erst z.T. aufgeklärt wurde. Die Arbeitsgruppe um Frau Dr. Borelli analysierte erstmals die Struktur der SAPs 1, 3 und 5 und konnten einen hocheffektiven Inhibitor dieser Enzyme modellieren, der die Wirksamkeit von gängigen (HIV)-Protease-Inhibitoren bei weitem übersteigt, was im Plenum auf besonderes Interesse stieß. Frau Borelli wurde später mit dem Nachwuchspreis der DMYKG ausgezeichnet.
Am Nachmittag wurden u.a. die Bedeutung der Mykologie in der Augenheilkunde und der HNO beschrieben. Prof. Behrens-Baumann und M. Seibold unterstrichen die besondere Bedeutung von Fusariosen, welche sich u.U. als schwere Augeninfektionen manifestieren und wegen der vermehrten Anwendung von Kontaktlinsen zunehmen. Stellt Fusarium eine im ophthalmologischen Alltag relativ bekannte Spezies dar, so gelangte selbst der Vorsitz der Sektion bei der Erstbeschreibung einer Thielavia-Keratitis an die Grenzen seiner Artenkenntnis. Klinisch beeindruckende Vorträge lieferten die HNO-Kollegen. So zeigte Dr. Beck-Mannagetta aus Salzburg auf, dass Zahnfüllmaterial Nährstoffe für Aspergillen enthält und in den Sinus maxillares Kondensationspunkte für die Besiedlung mit Aspergillus ssp. bietet. Der Vortrag von Frau Kraker lieferte Bedenkliches zu Tage: So zeigte eine große Anzahl von Krankenhauskopfkissen eine Kontamination mit Pilzsporen. Nur das Autoklavieren erbrächte demnach eine akzeptable Entpilzung der Kissen.
Abends wurde der Gesellschaftsabend im Meistersaal in der Nähe des Potsdamer Platzes begangen. Dieses Gebäude ist eines der wenigen, welches an alter Bausubstanz in dessen Umgebung erhalten geblieben ist. Das Innere zeigt eine opulente Ausstattung aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts. Der Festabend wurde mit Auszügen aus Antonio Vivaldis 4 Jahreszeiten und Antonin Dvorak Streichquartett op. 96 begangen. Ausführende waren Mitglieder der Berliner Philharmoniker!
Im Rahmen des Gesellschaftabends wurden auch die Preise der DMYKG verliehen. Den Forschungsförderpreis erhielt Frau Prof. Dr. Lass-Flörl, den Nachwuchsförderpreis Frau Dr. Borelli, die Schönlein Plakette Prof. Dr. Mendling. Das Plempel-Stipendium erging an Herrn Dr. Kupfahl, die Publikationspreise u.a. an Frau Narang und Herrn PD Dr. Cornely. Es wurden weiterhin 4 Posterpreise vergeben (Frau Dr. Schewe, Frau Wächtler, Herr Seyfarth und Herr Dr. Hell). Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass der DMYKG nie in der Geschichte ein derartiges Preisgeldvolumen zur Verfügung gestanden hatte.
Höhepunkte des letzten Tages waren die Vorträge von Herrn PD Dr. Cornely über die Ergebnisse der AmBiLoad-Studie und Frau Prof. Lass-Flörl, die einen humorvollen und didaktisch sehr gelungenen Beitrag zu ihren Erfahrungen mit der mykologischen Diagostik an CT-gestützten Bioptaten von verdächtigen Lungenherden berichtete. Hierbei unterstrich sie die Bedeutung der mikroskopischen Differenzierung, welcher im Zeitalter der Kostenreduzierung wieder vermehrt Bedeutung zukomme.
Florian Seyfarth, Jena