(Ein Nachruf von Johannes Müller)
Am 24. Juni 2010 verstarb Frau Prof. Dr. med. Dr. sc. Alena Tomšiková, ehemalige Direktorin des Instituts für Medizinische Mikrobiologie der Karls-Universität Pilsen, Tschechien.
Alena Tomšiková studierte Medizin an der Karls-Universität Pilsen und wurde 1952 approbiert und zum Doktor der Medizin promoviert. Mit einer Dissertation über immunologische Studien an Hefen und Schimmelpilzen erwarb sie 1964 auch den naturwissenschaftlichen Doktorgrad. Ihr Habilitationsthema betraf immunologische Mechanismen einheimischer Mykosen. Im Jahr 1981 wurde sie zur Professorin ernannt, und 1991 wurde sie auf den Lehrstuhl für Medizinische Mikrobiologie der Karls-Universität Pilsen berufen. Das Direktorat dieses Instituts hatte sie von 1990 bis 1997 inne. Von 1992 bis 2010, 13 Jahre ihres Ruhestandes inbegriffen, leitete sie das Tschechische Nationale Referenzlabor für Medizinische Mykologie.
Pilsen war von Alters her eine Hochburg der Gärungsphysiologie, die von Hefen lebt. Das ist keine Schmunzelanmerkung, denn in diesem Umfeld positionierten sich so namhafte Wissenschaftler wie Anna Kocková-Kratochvilová – eine vielzitierte Kapazität in der Hefesystematik – oder der Sudetendeutsche Siegfried Windisch, nach dem Zweiten Weltkrieg Professor für Mikrobiologie an der Technischen Universität Berlin (und DMykG-Mitglied). So wurde auch Frau Tomšiková früh in ihrem wissenschaftlichen Werdegang an die Pilze herangeführt. Ihre erste fundierte Ausbildung in Medizinischer Mykologie erhielt sie mit der Teilnahme am Cours Supérieur de Mycologie Médicale am Institut Pasteur in Paris, wo G. Segretain, F. Mariat und E. Drouhet ihre Lehrer waren, eine mehrwöchige Lehrveranstaltung, die sie sich mangels Devisen förmlich erhungern musste. Ende der 60er Jahre konnte sie bei Seeliger in Würzburg hospitieren, mit dem zusammen sie über mykoserologische Methoden publizierte. Ende der 80er Jahre war sie wissenschaftlicher Gast beim Schreiber dieser Zeilen in Freiburg, stets mit großem Eifer lernbegierig.
Frau Tomšiková war eine außerordentlich fleißige Experimentatorin und eine eifrige Besucherin von Tagungen. Sie sprach neben ihrer tschechischen Muttersprache Deutsch, Französisch und Englisch. Beeindruckend war die Breite ihrer mykologischen Interessen. Sie beherrschte alle Methoden zur Erregerdifferenzierung und verfügte über eine große Formenkenntnis. So hat sie umfangreiche Publikationen zur Ökologie und Verbreitung von medizinisch wichtigen Pilzen im böhmischen Raum verfasst. Unter diesen ragen Studien zu Emmonsia crescens heraus, den Erreger der Adiaspiromykose, der in Böhmen als endemisch in Tierreservoiren nachgewiesen worden war und auch zu Mykosen am Menschen geführt hatte. Frau Tomšikovás besonderer Schwerpunkt ihrer mykologischen Arbeit waren serologisch-immunologische Studien über Antigen-Charakterisierungen, Antikörper-Nachweise und allergische Reaktionen. Exoantigene und fungizide Nicht-Antikörper-Serumfaktoren hat sie bearbeitet. Die Gattungen Candida, Aspergillus, Cryptococcus, die Dermatophyten, Pilze des Luftplanktons, die Farmerlunge und Folgen der Pilzbekämpfung in der Landwirtschaft fanden ihr Interesse. Fragen, die sich aus der Labordiagnostik des Alltags ergaben, hat sie in Tierversuchen experimentell zu lösen versucht. Virulenzfaktoren, Adherenzphänomene wie überhaupt die Immunbiologie des Pilz-Wirt-Verhältnisses finden sich als Themen ihres Literaturverzeichnisses und erweisen Alena Tomšiková als mykologisch außerordentlich breit kompetent. Sie hat ihr Wissen nicht nur auf wissenschaftlichen Veranstaltungen, sondern auch im akademischen Unterricht an die jungen Generationen weitergegeben. Die meisten ihrer Studienergebnisse finden sich in mykosen, aber sie publizierte auch in anderen deutsch- und englischsprachigen Periodika. Ihr großes wissenschaftliches Ansehen brachte ihr die Ehrenmitgliedschaft in der Gesellschaft für Medizinische Mykologie der DDR ein; mit der politischen Wende wurde sie dadurch auch Ehrenmitglied der DMykG.
Alena Tomšiková war eine stille, eher in sich gekehrte Natur, begabt mit großer Zuwendungsfähigkeit. Wer sie kannte, hat sie als liebenswürdige und fröhliche Dame in Erinnerung. Ihren Besuchern war sie eine bezaubernde Gastgeberin. Sie war eine begeisterte Sportlerin, Wintersport und Schwimmen waren ihre Lieblingsdisziplinen, ausgeübt bis zu ihrem unerwarteten Lebensende.
Wir gedenken in Hochachtung ihrer Persönlichkeit und ihrer wissenschaftlichen Lebensleistung.
(Johannes Müller)