(Ein Nachruf von Johannes Müller)
Am 20. Juli 2011 verstarb Herr Professor Dr. med. Dr. med. vet. h.c. Jürgen Potel, ehemals Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene der Medizinischen Hochschule Hannover.
Jürgen Potel wurde am 9. Mai 1921 in Reichenbach/Oberlausitz, zwischen Görlitz und Löbau gelegen, geboren. Seine gymnasiale Schulbildung erhielt er am Gymnasium Augustinum in Görlitz, an den Ufern der Lausitzer Neiße gelegen, die nach dem 2. Weltkrieg zur deutschen Schicksalsgrenze im Osten werden sollte. Ab 1939 studierte er Medizin in Breslau, unterbrochen ab 1941-1944 von Wehrdienst und Krankheit. Die unmittelbare Nachkriegszeit 1945-1946 überstand er als Hilfsassistent am Albert-Steinert-Krankenhaus in Seehausen in der Altmark. Ab 1946 konnte er sein Medizinstudium in Halle fortsetzen. Hier arbeitete er nebenher als wissenschaftliche Hilfskraft am Hygiene-Institut der Universität Halle, wo er im Juli 1948 approbiert und mit einem Thema zur Labordiagnostik von Diphtherie-Bakterien promoviert wurde. Von 1948 – 1957 wirkte er als wissenschaftlicher Assistent und Oberassistent am Hygiene-Institut der Martin-Luther-Universität Halle. Hier habilitierte er sich 1953 und wurde zum Dozenten ernannt.
Seine Geradlinigkeit brachte ihn in politische Bedrängnis. Als 1957 seine Verhaftung drohte, floh er in die Bundesrepublik. Er fand eine Position als Abteilungsleiter der bakteriologischen und virologischen Forschungsabteilung der ASTA-Werke in Bielefeld von 1957 bis 1972.
Am 23. Juli 1965 konnte er sich an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster umhabilitieren, wo er als Privatdozent und apl. Professor bis 1972 lehrte.
Am 1. Oktober 1972 wurde Jürgen Potel auf den neugeschaffenen Lehrstuhl und die C4-Professur für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene der Medizinischen Hochschule Hannover berufen, eine Position, die er bis zu seiner Emeritierung am 1. Oktober 1986 innehatte; er leitete das Institut dann noch ein weiteres Jahr kommissarisch.
In seiner Hallenser Zeit bearbeitete Jürgen Potel klassische bakteriologisch-labordiagnostische Felder, wie die immer noch bedrohliche Tuberkulose, die Lues, die epidemiologisch schon im Abklingen begriffene Diphtherie. In der Beschäftigung mit Pseudomonas kündigte sich eine zunehmende Problematik der Krankenhaushygiene an. Zugang zur Virologie ergab sich über Arbeiten zu Coxsackievirus-Infektionen. Vor allem aber zeichnete sich bereits 1953 mit seinem Habilitationsthema „Ätiologie der Granulomatosis infantiseptica“, einer Listeria-bedingten Fetopathie, das Hauptarbeitsgebiet der Listeriose ab, dem er mit einer Fülle von Arbeiten zur Ätiologie, Pathogenese und Epidemiologie und der Entwicklung eines Impfstoffes für Tiere sein ganzes weiteres Berufsleben treu geblieben ist.
Fünfzehn Berufsjahre verbrachte Jürgen Potel als Mikrobiologe bei den ASTA-Werken in Bielefeld. Eine Industrie-Position erfordert in der Regel die Konzentration wissenschaftlichen Arbeitens auf Projekte engen Umfangs – hier waren es Entwicklungsarbeiten für Grippeimpfstoffe. Potels Literaturverzeichnis in dieser Zeit weist ihn indessen als Wissenschaftler aus, der in breitgestreuten Arbeitsfeldern zu Hause war: Er führte nicht nur seine Listeriose-Arbeiten weiter, sondern bearbeitete allgemeine immunologische Fragestellungen, nicht zuletzt die Einflüsse von Immunsuppressiva und Zytostatika auf Immunfunktionen. Auch die Bewertung von Antibiotika, die damals in rascher Folge neu auf den Markt kamen, beschäftigte ihn. Insofern war seine Umhabilitierung an die Universität Münster 1965 mit der Annahme von Lehrverpflichtungen nur folgerichtig.
Die Berufung auf den Lehrstuhl für Mikrobiologie der Medizinischen Hochschule Hannover war der Höhepunkt in Potels beruflichem Werdegang. Eine Berufung aus einer Industrieposition heraus auf eine medizinische C4-Professur ist in Deutschland ungewöhnlich und spricht für Potels breite wissenschaftliche Kompetenz. Die Medizinische Hochschule in Hannover war eine Nachkriegsgründung. Hier war Aufbauleistung in den Fundamenten gefragt. Ihm lag neben der akademischen Lehre die labordiagnostische Dienstleistung für den infektionskranken Patienten in voller Breite des Faches am Herzen.
Jürgen Potel ist – neben Heinz Seeliger in Würzburg, dem er auch über die Listeriose verbunden war – der einzige weitere Inhaber eines Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie seiner Generation, der sich persönlich eigene Kompetenz auf dem Teilgebiet der Medizinischen Mykologie erworben und diesen ansonsten vernachlässigten Bereich nicht nur nachgeordneten Hilfskräften überlassen hat. Bereits in Bielefeld hat er mit dem Gynäkologen Ph. Lachenicht über die Bedeutung von Hefepilzen für Infektionen und Erkrankungen in Gynäkologie und Geburtshilfe eine Reihe von Arbeiten publiziert, die auch Epidemiologie und Chemotherapie mit einschlossen. Auf der Tagung der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft 1964 in Freiburg i. Br. hat er über den Nachweis von Sprosspilzen im Genitaltrakt Gebärender vorgetragen und auf die Bedeutung von Infektketten für die Soorinfektion hingewiesen. Auf der DMykG-Tagung 1974 in Basel stellte er ein Tierversuchsmodell vor, bei dem Cyclophosphamid-Gaben an Mäusen deren Empfänglichkeit für intraperitoneale Candida albicans-Infektionen, die für die DL50 notwendige Infektionsdosis um zwei Zehnerpotenzen verringerte. Exemplarisch für Potels wissenschaftliche Sorgfalt war die Publikation einer Kette nosokomialer Endophthalmitiden durch Exophiala jeanselmei in der Augenklinik Hannover, die er zusammen mit Heinz Seeliger analysierte, vorgetragen auf der DMykG-Tagung 1983 in Luxemburg und publiziert 1984 in mykosen. Auch labordiagnostische Fragen der Pilzdifferenzierung, der Resistenztestung, der Empfindlichkeitsprüfung gegenüber antimyzetisch wirksamen Substanzen hat Potel durchgeführt. Epidemiologische Erhebungen sowie Studien zum Verhalten von Pilzen im elektrischen Feld und zu Phagozytose-Bedingungen runden seine mykologischen Aktivitäten ab. Im Jahr 1976 hat Jürgen Potel zusammen mit dem Veterinärmikrobiologen Karl-Heinz Böhm von der Tierärztlichen Hochschule Hannover die 13. Wissenschaftliche Tagung der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft ausgerichtet, die allen Teilnehmern als gediegene Veranstaltung in guter Erinnerung ist. Hier zeigte sich die langfristige fruchtbare Zusammenarbeit Potels mit Veterinärmedizinern, die insbesondere von seinen Arbeiten zur Listeriose getragen war und die schon 1953 in Halle mit seiner Antrittsvorlesung „Die epidemiologische Bedeutung der bakteriellen tierischen Infektionen für den Menschen“ angeklungen war. Die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover hat ihn dafür mit der Promotion zum Doktor med. vet. honoris causa geehrt.
Jürgen Potel war ein Mensch, dem der Dienst am Kranken und das Dienen an der Wissenschaft eine hohe Verpflichtung war. Auch sein vielfältiges öffentliches und privates Engagement (auch pekuniär) politischer, berufsständischer und kultureller Art für die Allgemeinheit spiegelt sich in mannigfachen Ehrungen wider. So erhielt er den Ehrenbrief der Stadt Brackwede und den Ehrenring des Deutschen Roten Kreuzes.
Mit dem Tod Jürgen Potels ist eine Pionierpersönlichkeit der medizinischen Mykologie dahingegangen. Wir gedenken seiner in Respekt und Dankbarkeit. Seiner Familie gilt unsere Anteilnahme.
von Johannes Müller