Weiter zum Inhalt.
Sie befinden sich hier:  Home » History » Geschichte

Ärzte, Forscher, Lehrer – Geschichte der Medizinischen Mykologie im Deutschsprachigen Raum

Einführung

Die medizinische Mykologie als eigenständiges Fach im größeren Rahmen der Medizinischen Mikrobiologie gibt es erst seit den 1950iger Jahren. Die Abgrenzung ist gekennzeichnet durch folgende Marksteine:

  • Umfassende monografische Abhandlungen des Fachgebiets;
  • Gründung wissenschaftlicher Fachgesellschaften weltweit in rascher Folge;
  • Periodische Abhaltung von Fachkongressen;
  • Gründung fachspezifischer Periodika.

Die geistesgeschichtlichen Wurzeln der Medizinischen Mykologie freilich reichen über 170 Jahre weiter zurück und sind sehr wohl mit denen der medizinischen Bakteriologie vergleichbar. Namen wie Johann Lucas Schoenlein, Robert Remak, Bernhard v. Langenbeck, Carl Ferdinand Eichstedt, Rudolf Virchow, Otto Busse und Abraham Buschke – um nur einige zu nennen – belegen dies. Bereits diese Namen zeigen, dass der deutschsprachige Raum zum Aufblühen und Gedeihen der Medizinischen Mykologie wesentlich beigetragen hat.

In der historischen Entwicklung ist das Interesse an Mykosen zunächst unbestreitbar von den Dermatologen gepflegt worden, die in den Dermatomykosen mit einem epidemiologischen Problem ersten Ranges konfrontiert waren. Die endemischen Mykosen der Warmländer wurden von der Tropenmedizin wahrgenommen, wobei die etablierten Kolonialmächte am Anfang des 20. Jahrhunderts eine führende Stellung einnahmen. Diese „Randständigkeit“ der medizinischen Mykologie änderte sich schlagartig, als die Fortschritte der Medizin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer unerwarteten Fülle opportunistischer Mykosen führte: Candidosen, Aspergillosen, Cryptococcosen, Zygomykosen sind die epidemiologisch bedeutsamsten, aber nicht die einzigen. Die opportunistischen Mykosen traten auf als Folge der
Verfügbarkeit von Antibiotika, Immunsuppressiva und Kortikoiden, der Entwicklung neuartiger Operationsmethoden, der Transplantations- und Intensivmedizin u.a., Fortschritte, die lebensverlängernd waren, aber auch zu erhöhtem Risiko für lebensbedrohliche, tieflokalisierte Mykosen führten. Jetzt waren die Fächer der inneren Medizin und der Chirurgie mit Mykosen konfrontiert. Mit dieser neuen Herausforderung erst kam die Medizinische Mykologie in die Eigenständigkeit.

In rascher Folge wurden weltweit wissenschaftliche Gesellschaften für Medizinische Mykologie gegründet. 1961 von Hans Götz die Deutschsprachige Mykologische Gesellschaft – DMykG – in Essen, die die Mykologen der Schweiz und Österreichs mit einschloss. Die Mykologen der damaligen DDR waren gehalten, eine eigene Gesellschaft zu gründen (1960 durch Harry Braun und Georg Wildführ), deren Mitglieder erst nach der Wende 1989 in corpore der DMykG beitreten durften. Beide Gesellschaften haben die Leistungen der Mykologen des deutschsprachigen Raumes maßgeblich gebündelt, gefördert und kommunikativ auf vielen Ebenen sichtbar gemacht und sich damit große Verdienste erworben.

Bereits 1954 wurde mit der International Society for Human and Animal Mycology ISHAM eine internationale Fachgesellschaft gegründet, der sich die nationalen und regionalen Gesellschaften zum Zweck eines weltweiten wissenschaftlichen Gedankenaustausches assoziierten. Einem offensichtlichen Bedürfnis folgend wurde auf Initiative französischer Mykologen 1993 in Paris die European Confederation of Medcal Mycology EDMM gegründet, deren Existenzberechtigung inzwischen außer Fragen steht.

Etwas gleichzeitig mit der Gründung wissenschaftlicher Gesellschaften erschienen auch fachspezifische Periodika. Mit der „Sabaouraudia“, später in „Journal of Medical and Veterinary Mycology“ und schließlich „Medical Mycology“ umbenannt, schuf sich die ISHAM ein Sprachrohr. Aus dem deutschsprachigen Raum erwuchs die Zeitschrift „mykosen“, seit 1987 „mycoses“, 1958 von E. Langer, Heinz Grimmer und Hans Götz gegründet, von einem anfänglichen Beiheft einer dermatologischen Zeitschrift zu einem Publikumsorgan der DMykG mit weltweitem Ansehen, seit Ende der 80iger Jahre rein englischsprachig.

Organisatorische Rahmenbedingungen allein produzieren freilich noch keine Wissenschaft. Eine zunehmende Zahl medizinischer Mykologen erarbeiteten im 19. und 20. Jahrhundert den heute verfügbaren Kenntnisstand der klinischen Bilder pilzbedingter Infektionskrankheiten, von Einsichten in deren Pathogenese, von einem umfangreichen Repertoire diagnostischer Methoden und von epidemiologischen Daten. Die Möglichkeiten der Chemotherapie von Mykosen hat sich von anfangs nur unzureichenden Möglichkeiten zu einem schlagkräftigen Arsenal hochwirksamer Antimykotika entwickelt. Niedergelassene ebenso wie klinisch tätige Ärzte, Labormykologen, Universitätslehrer und Industrieforscher haben fachübergreifend über Jahrzehnte hinweg der medizinischen Mykologie einen spektakulären Aufschwung verliehen.

In der folgenden Dokumentation soll die historische Entwicklung der medizinischen Mykologie vom frühen 19. Jahrhundert bis zu Jetztzeit nachvollzogen werden. Quellen ersten Ranges sind die im Laufe von Jahrzehnten publizierten Laudationes und Nachrufe wissenschaftlich herausragender Persönlichkeiten. Daneben geben Übersichtsartikel Auskunft über wegweisende Entwicklungsbahnungen. Diese Dokumentation soll nicht nur historische Verdienste festschrieben, sondern sie soll auch Anlass geben zur kritischen Strukturdiskussionen, und sie soll die Erarbeitung neuer Zielvorstellungen für nachfolgende Generationen erleichtern. In diesem Sinne bitten wir um die Unterstützung aus dem gesamten Fachkollegenkreis, relevante Informationen für diese Dokumentation zur Verfügung zu stellen.

Johannes Müller, Claus Seebacher      


Impressum | Sitemap | xhtml | css | © SENT 2010